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Am 23. September sowie am 10., 15. und 30. Oktober schließt der Lesesaal aufgrund einer Veranstaltung um 17 Uhr. (Musik-)Handschriften und Nachlässe können deswegen nur bis 17 Uhr benützt werden. Für die restlichen Bestände werden Ersatzleseplätze zur Verfügung gestellt.

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Objekt des Monats Juni 2019: Zum 200. Geburtstag von Jacques Offenbach

Jacques Offenbach: Eigenhändiges Skizzenblatt, undatiert, 23 x 30,5 cm; WBR, MS, MHc-18558.

Vor 200 Jahren, am 20. Juni 1819, wurde der Komponist und naturalisierte Franzose Jacques Offenbach als Sohn eines deutsch-jüdischen Kantors in Köln geboren. Er gilt gemeinhin als der Begründer der Operette, was nur bedingt richtig ist. Zum einen wählte er diesen Begriff für seine musikalischen Bühnenwerke erst später und auch dann nur fallweise, zum anderen betätigte sich sein Kollege Florimond Roger unter dem Künstlernamen Hervé schon vor ihm im gleichen Genre. Fakt ist aber, dass der ungeheure Anfangserfolg und die rasche Verbreitung dieser neuen Gattung vor allem auf Offenbach zurückzuführen ist.

Offenbach-Rezeption in Wien

In Wien spielte man die Werke Offenbachs zunächst am Carl-Theater unter der Direktion Johann Nestroys in einer unautorisierten, von Carl Binder erstellten Neuinstrumentierung, da man an die Originalpartituren infolge der politischen Spannungen zwischen Österreich und Frankreich nicht herankam oder sich ihrer aus finanziellen Gründen von vornherein nicht bedienen wollte. 1861 kam es schließlich zu einem Gastspiel Offenbachs und seiner "Bouffes Parisiens", und in der Folge lieferten sich Wiens Theaterdirektoren Wettkämpfe um die jeweils neuesten Hervorbringungen des Pariser Meisters. Höhepunkt war der Triumph der Schönen Helena (1865), der durch das Breittreten frivol wirkender Elemente der Inszenierung durch die Presse noch befeuert wurde.

Der Erfolg Offenbachs regte die lokale Produktion an. Bereits 1860 trat Franz von Suppè mit seiner einaktigen Operette Das Pensionat vor das Publikum. In der Folge wurde aber vor allem Johann Strauss (ab 1871) zum Wiener Antipoden Offenbachs ausgerufen. Der Publikumsgeschmack wandelte sich – anstelle satirisch-persiflierender Bühnenhandlungen waren nun solche mit vorwiegend eskapistischem Inhalt gefragt – und Offenbach war infolge der erstarkenden Konkurrenz sowohl in seiner Wahlheimat Frankreich als auch im Ausland nur mehr einer unter vielen Operettenkomponisten.

So groß Offenbachs zeitweiliger Erfolg auf dem Gebiet des musikalischen Unterhaltungstheaters auch war – als sein wohl bedeutendstes Werk erwies sich die vier Monate nach seinem am 5. Oktober 1880 erfolgten Tod uraufgeführte Oper Les contes d’Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen). Auch hier findet sich ein eminenter Wienbezug, wenn auch tragischer Natur: Am 8. Dezember 1881 kam es kurz vor Beginn einer Aufführung ebenjener Oper im Ringtheater zu einer verheerenden Brandkatastrophe, die vermutlich an die 1000 Menschen das Leben kostete. Das Werk wurde daraufhin lange Zeit als Unheilbringer gemieden.

Das Manuskript

Das Ende 2018 von der Wienbibliothek erworbene Skizzenblatt Offenbachs konnte bislang keiner seiner Kompositionen zugeordnet werden, was bei einem Gesamtschaffen von allein mehr als 100 Bühnenwerken keineswegs verwunderlich ist. Dass es sich um Vorarbeiten zu einem Bühnenwerk handelt, scheint aber klar zu sein: In der linken oberen Ecke der Recto-Seite notierte der Komponist die Worte "Ouverture in a mol" – obwohl, oder vielleicht gerade weil der Notensatz durch das Generalvorzeichen fis die Tonart e-Moll ausweist. Andere Eintragungen – auf der Verso-Seite – lauten wiederum "a mol" und "do[?]-mineur 2d fois" (c-Moll beim zweiten Mal). Dieses unvermittelte Springen zwischen Deutsch und Französisch ist typisch für Offenbach. In seinen Briefen speziell an deutschsprachige Empfänger wechselt Offenbach nicht selten mitten im Satz die Sprache.

Vom musikalischen Inhalt her enthält das Blatt hauptsächlich Melodieskizzen; nur gelegentlich ist die Harmonisierung angedeutet. Interessanterweise bediente sich auch Johann Strauss einer ähnlichen Kompositionsmethode.

Zuletzt sei noch auf die Randzeichnungen hingewiesen, die mit einiger Sicherheit ebenfalls von der Hand Offenbachs stammen dürften. Auch hier ergibt sich eine Parallele zu Strauss, wenngleich dieser seinen bildnerischen Fantasien nur höchst selten auf Notenblättern Gestalt verlieh. Eine Deutung des schwer leserlichen Namens auf dem Bauch der mit Bleistift gezeichneten rechten unteren Figur sei an dieser Stelle nicht gewagt. Bemerkenswert ist allemal die Figur am oberen Rand. Stellt sie einen Skifahrer dar? Der Skisport verbreitete sich in Mitteleuropa, von Norwegen ausgehend, erst nach Offenbachs Tod. Allerdings brachten bereits im 17. Jahrhundert russische Einwanderer Ski nach Slowenien, was jedoch nur zu einer eng begrenzten lokalen Bedeutung führte. Doch wieso widmete sich Offenbach überhaupt diesem Thema? Stellt die Figur am Ende etwas ganz anderes dar, vielleicht mit Bezug auf den Inhalt der auf dem Notenblatt konzipierten Operette? Es bleibt jedenfalls noch einiges zu klären.

Archiv der Objekte des Monats 2019:

Jacques Offenbach: Eigenhändiges Skizzenblatt, undatiert, 23 x 30,5 cm; WBR, MS, MHc-18558.