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Am 17.Oktober schließt der Lesesaal aufgrund einer Veranstaltung bereits um 17 Uhr. Ersatzleseplätze werden zur Verfügung gestellt.

Am 8.November ist die Wienbibliothek ganztägig geschlossen.

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Im Lesesaal mit Rob McFarland

Rob McFarland vor der Forschungsbibliothek Peter R. Frank in der Wienbibliothek.

ein Portrait von Tanja Paar

"Eine obskure Frau" hat Rob McFarland an die Wienbibliothek gebracht: Ann Tizia Leitich war beinahe vergessen, als der amerikanische Literaturwissenschafter, Associate Professor an der Brigham Young University, über sie zu arbeiten begann. "Ich bin Teil eines Forschungsnetzwerkes BTWH zur Wiener Moderne“, erklärt er, das hat mich immer wieder nach Wien geführt." 2002 betreute er ein Projekt über Frauen in der Journalistik und stieß dabei auf Leitich.

2004 publizierte er einen ersten Artikel über sie. Es war unklar, wie es damit weitergehen würde, zu "obskur" erschien das Forschungsthema. Er wollte ihre Biografie gleichzeitig als Kulturgeschichte sehen. "Ich habe die fast 300 Artikel, die sie verfasst hat, mit Vergnügen gelesen, weil: Die Frau kann schreiben." Irgendwann, so berichtet er, war es ihm egal, ob das Thema angenommen wird. "Ich schreib das Ding", dachte er – Es wurde, und liegt jetzt auch als Buch vor: "Red Vienna, White Socialism, and the Blues: Ann Tizia Leitich’s America".

Wiener Großbürgertum

Leitich wurde 1891 als Tochter eines Schulleiters in Wien geboren und genoss eine großbürgerliche Erziehung. "Sie liebte Ibsen und Strindberg", so McFarland. Sie wurde auf Wunsch ihres Vaters Lehrerin für Geschichte, erlebte das Ende des Ersten Weltkrieges "als schwere Kulturkrise", die auch einen persönlichen Zusammenbruch nach sich zog. 1921 emigrierte sie nach Amerika. "Sie schloss sich einer Gruppe junger Frauen an, die Jobs als Hausmädchen oder Putzfrauen bekommen wollten", erzählt McFarland. Das war für eine Frau ihrer Bildung natürlich sehr ungewöhnlich. "Ich stand auf den Straßen von Chicago", schreibt Leitich, "egal, was man gelernt hat, wichtig ist, was man kann."

Emigration

Leitich studierte in Iowa, arbeitete bei einer Versicherungsfirma, um sich das zu leisten, ging 1923 als Stenotypistin nach New York. Sie begann als USA-Korrespondentin der "Neuen Freien Presse" zu schreiben. "Auf der Jagd nach einem Job" hieß einer ihrer Artikel, in denen sie ihr Leben in Amerika beschrieb. Ihr "Brief an einen amerikasüchtigen Kronenfreund" richtet sich wohl an ihren zukünftigen Ehemann. "Das konnten auch ihre Nachkommen, mit denen ich 2010 in Salzburg Interviews geführt habe, nicht erklären“, so McFarland.

Seine wichtigste Quelle aber ist der Teilnachlass an der Wienbibliothek. "Hier wird einem alles bestmöglich zugänglich gemacht – und die Mitarbeiter denken mit", unterstreicht der Wissenschafter. "Es gibt viele Briefe, Postkarten und Artikel von Leitich in der Handschriftenabteilung. Am Anfang war das alles in einer Schachtel, aber inzwischen ist es super organisiert. Das Beste ist, dass man alles fotografieren darf, das ist einzigartig. Oft sind in Bibliotheken die Bestände ja so gut geschützt, dass man kaum mit ihnen arbeiten kann."

Bei seiner Arbeit an der Leitich-Biografie saß McFarland immer im großen Lesesaal an einem Platz am Fenster: "Wegen des Tageslichts." Immer wieder entdeckte er unbekannte Schätze, zum Beispiel "Kehraus", ein Text über Karlsbad, den sie vor ihrer Emigration schrieb. "Es gibt auch Blätter aus einem Tagebuch von 1907/1908." "Bis 1919/1920 kann man noch einen Antisemitismus in ihren Texten erkennen, nach Amerika war das nicht mehr so. Ihr Mann war Jude", so McFarland.

1926 veröfffentlichte Leitich "Amerika, Du hast es besser". "Die Jahre 1926, 1927 bis 28 waren auch der Höhepunkt der Amerikabegeisterung in Europa, sie schrieb auch für 'Der Tag', die 'Deutsche Allgemeine Zeitung' und den 'Berliner Lokalanzeiger'. Sie arbeitet zu dieser Zeit bei MGM in der Szenario-Abteilung und beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Film."

Synthese zwischen Amerika und Europa

"Sie verstand sich als Vermittlerin zwischen amerikanischer und europäischer Kultur", so McFarland. "Sie sah die Zivilisation nicht als Ende der Kultur – oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: Alles Furchtbare kommt aus Amerika. Sie wollte eine Synthese aus der amerikanischen Kraft und der europäischen Kultur." In den 1930er-Jahren wurde es zunehmend schwieriger, Artikel über die USA zu publizieren, sie kehrte nach Europa zurück und heiratete besagten Hofrat im Bundesamt für Statistik. 1933 wurde ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt. Leitich versuchte sich als "Wiener Kulturhistorikerin" neu zu erfinden – mit großem Erfolg.

Neuerfindung als Wiener Kulturhistorikerin

Sie publizierte 25 Bücher, darunter "Verklungenes Wien" und "Die Wienerin" (1939) und historische Biografien, u.a. zu Maria Theresia, Franz Grillparzer und Kaiserin Sisi. "Sie wollte ein Produkt erfinden, das helfen konnte, auch den ärmeren Ständen Kulturgut zu vermitteln. Sie sah in der Populärkultur wie Film und Musik ein Mittel der Volksbildung", erklärt McFarland und fährt fort: "Ihre späteren Werke sind in diesem Sinn amerikanische Werke, weil sie von der Populärkultur geprägt sind. Sie wurden dafür in Europa verpönt, weil sie als nicht wissenschaftlich betrachtet wurden. Ihre Themen waren vielleicht nicht progressiv, aber ihr Zugang war progressiv."

Was McFarland persönlich am Themenfeld Amerika und Europa interessiert hat? Seine Großmutter war eine deutsche Jüdin, die 1938 aus Europa fliehen musste. Seit er 13 Jahre alt war, hat sie mit ihrem Enkelsohn immer Deutsch gesprochen. Sie schenkte ihm eine Erstausgabe von "Dr. Faustus", eine ungewöhnliche Lektüre für einen Teenager in der amerikanischen Vorstadt. Dieses – wie er sagt – "schöne Leben in Gedanken" habe ihn schließlich zur Literaturwissenschaft geführt, so McFarland. So waren es letztendlich zwei Frauen, Leitich und seine Großmutter, die ihn an die Wienbibliothek gebracht haben.

Rob McFarland: Red Vienna, White Socialism, and the Blues: Ann Tizia Leitich’s America. Camden House 2015 (= Studies in German Literature Linguistics and Culture)

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