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farbige Illustration, die einen Fiaker vor einer Holzhütte, umgeben von Wild, im Wald zeigt
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Im Lesesaal mit:
Fotografie von Werner Michael Schwarz
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Am 23. November und 5. Dezember schließt der Lesesaal aufgrund einer Veranstaltung bereits um 17 Uhr. Ersatzleseplätze werden zur Verfügung gestellt.

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Im Lesesaal mit Franz Linsbauer

Franz Linsbauer im Lesesaal. Foto: Gregor Kallina

Franz Linsbauer forscht in der Wienbibliothek zu Wiener Parks und Friedhöfen für seine Führungen und Vorträge in der Erwachsenenbildung. Seit 2005 kommt er beinahe täglich ins Rathaus. Ein Portrait von Tanja Paar

"Hier wird man behandelt wie ein Graf." So bringt Franz Linsbauer seine Vorliebe für die Wienbibliothek auf den Punkt. Seit 2005 kommt der Wiener beinahe täglich hierher, um für seine Führungen und Vorträge für die Erwachsenenbildung zu recherchieren. Begonnen hat er seine Studien hier zum jüdischen Architekten Max Fleischer (1841 bis 1905), der auch ein Bauleiter des Wiener Rathauses war. Über 50 Themen, viele zur Architektur, hat Linsbauer in diesen elf Jahren eingehend bearbeitet, nur einen Teil davon darf er weiterhin umsetzen. Der Grund dafür: Die strenge Gewerbeordnung, die nicht "gewerblich befugten Wiener Fremdenführern" nur die Friedhöfe und Parks als Betätigungsfeld überlässt.

In die Tiefe gehen

Damit muss sich auch der Brite Eugene Quinn plagen, der, so Linsbauer, seit dem Sommer 2015 in seiner Tour "Vienna ugly" zu den hässlichsten Orten Wien führt. Die Nichteinhaltung der Gewerbeordnung wird mit bis zu 3.600 Euro Strafe geahndet, also konzentriert sich Linsbauer derzeit auf den Wiener Rathauspark und den Pötzleinsdorfer Schlosspark für seine nächsten Führungen, denn "viele Menschen wollen nicht auf den Friedhof gehen, weil sie ein ungutes Gefühl dabei haben." Bis zu einem halben Jahr recherchiert er an einem Thema, denn er "möchte in die Tiefe gehen".

Bei seiner Recherche zur "Zweiten Wiener Geserah", der "Ausschaffung" der Wiener Juden 1669/1679 verwendete er zum Beispiel Zeitschriften aus der Druckschriftensammlung, die "genau hinein führen in die Zeit". Ein besonderes Vergnügen sind ihm die so genannten Frühdrucke. Ein Werk wie das "Heilthumbuch" aus 1502 - welches er auch im Original aus der "eisernen Kassa", wo die besonders wertvollen Werke der Druckschriftensammlung lagern, ausheben lassen konnte - dies in Händen halten zu können, das sei schon etwas Besonderes. Anders als bei manchen Fotosammlungen müsse man dabei keine Handschuhe tragen.

Zum Pötzleinsdorfer Schlosspark forscht er mit den "wunderschönen Gartenbüchern, die es hier gibt" und Druckwerken aus dem späten 18. Jahrhundert - aber auch mit Hilfe von Aufnahmen aus historischen Spielfilmen aus seiner privaten Mediensammlung, die er wie ein Puzzle zusammensetzt. Man merkt dem Autodidakten Linsbauer, der kein Studium abgeschlossen hat, die Begeisterung für die Materie an. "Der Park in Schönau an der Triesting ist dem in Pötzleinsdorf sehr ähnlich", erklärt er, "ich versuche die Verbindung zwischen den Schlossherren zu rekonstruieren." Die Schwierigkeit sei es, den Stoff einzugrenzen: Die Vorträge, die er über diverse VHS und das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung anbietet, sollen nicht länger als eineinhalb Stunden dauern.

Bücher im Bettzeugraum

Neben seiner Arbeit in der Wienbibliothek ist ihm die Vorort-Recherche sehr wichtig: "In den letzten Sommern bin ich sehr viel im Pötzleinsdorfer Park gesessen, das ist ja mit seinem großen Waldbestand der kühlste Wiener Park", erzählt er. Zu Hause könne er gar nicht mehr arbeiten: "Kein Platz." Über 1000 Bücher stehen in seiner Wohnung im 9. Wiener Gemeindebezirk, über ein Eingangsverzeichnis versucht er den Überblick zu bewahren, sogar im Bettzeugraum sind Bücher. Um Platz zu schaffen, digitalisiert er gerade seine Filmsammlung. Was er selbst nicht unterbringt, oder sich nicht leisten kann, scannt er auf USB-Stick in der Wienbibliothek - kostenfrei, wie er lobend erwähnt.

Auch die Arbeit mit Zeitzeugen ist ihm wichtig: "Eine 91jährige Frau aus dem 8. Bezirk hat mir sehr bei der Recherche zum Wiener Stadttheater und Erwin Frim geholfen", erzählt er. "Das ist eine Hundebesitzerin, das hat sich quasi beim Gassigehen ergeben." Sie sei 1930 als Kind Tänzerin am Stadttheater gewesen und habe sich an den Sänger erinnert. Dieser habe sich umgebracht. Seine Spur in den Archiven verliert sich. "Es gibt ein Konvolut von Programmheften zum Stadttheater in der Wienbibliothek", erklärt Linsbauer. "Da scheint er zuerst noch auf. Gegen 1938 hin werden die Programmhefte weniger, die Theater liefern nicht mehr. Da muss ich dann auf private Sammlungen ausweichen." Aber auch da verliert sich die Spur.

Lose Enden

"Frim hat mit Hans Weigel maturiert“, sagt Linsbauer – und wirklich: In einem Weigelband findet sich ein Klassenfoto mit Frim. Weigel will ihn sogar noch in der Schweiz getroffen haben. "Die Schnüre hängen nach unten hin offen", meint Linsbauer – nicht immer führen die losen Enden zu einem sinnvollen Gewebe. "Ich bin zu spät dran", sagt er, "die Zeitzeugen sterben."

Bei seinen Recherchen zum Wiener Rathauspark, ebenfalls in Vorbereitung, hilft ihm zum Beispiel der Nachlass von Josef Engelhart, der sich ebenfalls in der Wienbibliothek befindet. Engelhart, Maler und Bildhauer und Mitbegründer der Secession, habe bei der Ausrufung der 1. Republik eine Federzeichnung angefertigt. Auch Kriegstagebücher aus dem 1. Weltkrieg, in dem Engelhart Kriegsmaler in Ostgalizien war, seien wichtige Hinweise. Die Kriegspressestelle habe mit roter Tinte unliebsame Stellen, wie Kritik am Umgang mit der ruthenischen bzw. jüdischen Bevölkerung, gestrichen.

Linsbauer selbst arbeitet nicht mit Füllfeder: zu langsam. Er bevorzugt den Bleistift, mit dem er schneller schreiben kann – und Kugelschreiber seien in den meisten Archiven ja verboten. Obwohl er hier schon "Generationen von AusgeberInnen" kenne, suche er selten das Gespräch. Keine Zeit. Er käme für gewöhnlich gegen neun und schaue bis 13, 14 Uhr kaum aus den Büchern auf. "Weil, wenn ich einmal anfange zu reden, höre ich so schnell nicht mehr auf", sagt er und lacht. Er sitzt - wie Alys George - am liebsten im mittleren Lesesaal. "Die Tür klingt zwar wie die in einer Arztpraxis meiner Kindheit", sagt er, "aber so groß ist der Schreck dann doch nicht. Und wenn das Telefon vibriert, bin ich schneller draußen als im großen Lesesaal."

Für schnelle Infos schaut er auch einmal ins Netz, auch wenn ihm Bücher lieber sind. Eine große Freude ist es ihm, wenn er einen Fehler auf Wikipedia richtig stellen kann: Zum Beispiel, was den Todesort von Ignaz Semmelweis betrifft: Nicht Oberdöbling, sondern die Niederösterreichische Landesirrenanstalt am Brünnlfeld, dort, wo heute das Neue AKH steht, ist korrekt. Nicht immer, aber manchmal, ist er eben schlauer.

Frühere Ausgaben von Im Lesesaal

Alys George