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Objekt des Monats Juni 2012: Im Garten von Janowitz. Projekt zur Neuorganisation des Karl Kraus-Archivs

Karl Kraus im Garten von Janowitz. Wienbibliothek, Handschriftensammlung, Nachlass Karl Kraus.

"Kraus führte ein Doppelleben", erklärte sein Biograph Edward Timms und meinte damit, dass der "private" Karl Kraus sich völlig von dem öffentlich gefürchteten, apokalyptischen Satiriker unterschied. Auf den Fotografien, die Kraus im Schlosspark von Janowitz, im heutigen Tschechien, zeigen, wird der "andere" Kraus sichtbar: entspannt, von Natur umgeben, fast schon intim im Bademantel. Es könnte sein, dass Sidonie Nádherný von Borutin, die Besitzerin des Janowitzer Schlosses, dieses Bild im Sommer 1933 aufnahm. Die schöne, weltgewandte Aristokratin war Karl Kraus‘ große Liebe – über tausend Briefe aus seiner Feder, geschrieben zwischen 1913 und 1936, legen davon Zeugnis ab. Es war keine einfache Beziehung, sondern ein ständiges Auf und Ab, oft quälend und hemmend für Kraus, dann wieder höchst inspirierend. Gute gemeinsame Zeiten verbrachte das Paar vor allem im Janowitzer Schlosspark, wohin Kraus auch zum ruhigen Arbeiten kam: "Große Arbeit; unbestimmt, wann ich wegkomme. […] Aber jetzt muss es in Deinem Park schon herrlich sein. Wie sehne ich mich nach ihm und seiner Gärtnerin", schrieb er im Mai 1933 an "Sidi". Wenige Monate zuvor war Hitler in Deutschland an die Macht gekommen. Kraus schrieb nächtelang. Es ging darum, die politische Situation in Deutschland zu erfassen, zu analysieren, in all ihrer Schrecklichkeit begreifbar zu machen. Dann beschloss er allerdings, den Text – erst 1952 als "Dritte Walpurgisnacht" veröffentlicht – doch nicht herauszugeben, Konsequenzen für sich und andere fürchtend. Auch die "Fackel" erschien in dieser Zeit nicht. Erst im Oktober 1933 meldete sich Kraus in einer dünnen Ausgabe wieder zu Wort, die eigentlich kaum mehr enthielt als folgende Zeilen:

"Man frage nicht, was all die Zeit ich machte. / Ich bleibe stumm; / und sage nicht, warum. / Und Stille gibt es, da die Erde krachte. / Kein Wort, das traf; / man spricht nur aus dem Schlaf. / Und träumt von einer Sonne, welche lachte. / Es geht vorbei; / nachher war’s einerlei. / Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte."

Das Gedicht hatte er am 13. September 1933 in Janowitz geschrieben. Diese Aufnahme ist nur ein Dokument aus dem an der Wienbibliothek im Rathaus beherbergten Karl Kraus-Archiv, das tausende von Manuskripten, Fahnen, Briefen und Lebensdokumenten umfasst. Karl Kraus, der sich für einmal Gedrucktes kaum mehr interessierte, überließ schon zu seinen Lebzeiten das Archivmaterial seiner Vertrauten Helene Kann, die er testamentarisch zu seiner Nachlassverwalterin bestimmte. Blieb Kraus selbst das Exil durch seinen frühen Tod im Jahre 1936 erspart, so ging doch ein Großteil seines literarischen und publizistischen Vermächtnisses ins Exil. Helene Kann ging mit wichtigen Nachlassteilen – wie etwa dem Fackel-Archiv – in die Schweiz. Deren Freundin Anita Kössler nahm andere Bestände mit nach Schweden. Ein weiterer integraler Teil sind die Prozessakten, die der Rechtsvertreter von Karl Kraus, Oskar Samek, bei seiner Emigration im Herbst 1938 mit nach New York nehmen konnte. Alle erwähnten Bestandteile des Kraus-Archivs kamen nach 1945 im Abstand von über fünf Jahrzehnten wieder an die Wienbibliothek im Rathaus zurück, was naturgemäß eine uneinheitliche Aufarbeitung und Erschließung zur Folge hatte. Seit 1. Juni 2012 läuft nun in Kooperation mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Theorie der Biographie ein zunächst auf vier Jahre befristetes Projekt, das sich sowohl die Neuorganisation des Karl Kraus-Archivs als auch die Erstellung einer virtuellen Biographie des streitbaren Publizisten zum Ziel gesetzt hat.

Archiv der Objekte des Monats 2012