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Objekt des Monats Dezember 2017: Weihnachtliches aus einem alten Kirchenarchiv

Karl Thorbrietz: Am heiligen Weihnachts-Abend. Ausgabe für Pianoforte (mittelschwer im Bass-Schlüssel). Leipzig: Rühle & Wendling [ca. 1901] WBR, Musiksammlung, Historisches Notenarchiv der Pfarre Altsimmering (ZPM 425)

Am 25. November war ein Jubiläum der besonderen Art zu begehen, nämlich das 750-jährige Bestehen der Pfarre Altsimmering. Die Wienbibliothek im Rathaus verfügt über das historische Notenarchiv dieser Pfarre, das zwar "nur" den Zeitraum der letzten 220 Jahre abdeckt, aber dennoch mit bemerkenswerten Stücken aufwarten kann. Passend zur Jahreszeit wurde daraus als Objekt des Monats ein Werk des Berliner Komponisten Karl Thorbrietz, betitelt Am heiligen Weihnachtsabend, gewählt.

Pfarre Altsimmering

Die alte Simmeringer Kirche, die Pfarrkirche zum heiligen Laurenz, wurde am 25. November 1267 als Filialkirche von St. Stephan erstmals urkundlich erwähnt. Sie liegt auf einer Anhöhe neben der alten Römerstraße, die nach Carnuntum führte. Die Verehrung des frühchristlichen römischen Diakons Laurentius verbreitete sich nach dem Sieg Kaiser Ottos I. über die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg, die 955 am Namenstag des Heiligen, dem 10. August, stattfand. Nachdem die Kirche im Zuge beider Türkenbelagerungen Wiens stark beschädigt und jeweils notdürftig wieder instand gesetzt worden war, erfolgte 1746/47 ein Neubau unter Baumeister Matthias Gerl im barocken Stil.

1979 schenkte die Pfarre der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, der heutigen Wienbibliothek, ihr historisches Notenarchiv im Umfang von 37 Archivboxen. Es umfasst naturgemäß in erster Linie das Kirchenmusikrepertoire von ca. 1800 bis 1950, überliefert vor allem durch handschriftliches Stimmenmaterial. Daneben findet sich aber auch diverse weltliche Musik, insbesondere Chöre, Blasmusik, Bearbeitungen für Salonorchester und Studienwerke für die Violine.

Am heiligen Weihnachtsabend

Einen hierzulande selten anzutreffenden Notendruck aus diesem Bestand stellt die eingangs erwähnte Ausgabe des "Tonstücks" Am heiligen Weihnachtsabend von Karl Thorbrietz dar. Das Werk erschien 1896 angeblich im Berliner Verlag Rühle – bekannt ist nur die spätestens 1898 veröffentlichte Titelauflage von Rühle & Wendling in Leipzig – in den Fassungen für Klavier zweihändig (leicht und mittelschwer), Klavier vierhändig sowie Violine und Klavier. Damit waren die gängigsten Besetzungen des damaligen häuslichen Musizierens abgedeckt. Das gegenständliche Exemplar kam ca. 1901 heraus, wie aus der Verlagsanzeige auf der letzten Seite zu schließen ist.

Den Rahmen der Komposition bildet das allbekannte Weihnachtslied Stille Nacht, heilige Nacht von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr, das bezeichnenderweise über Leipzig und Dresden weltweite Verbreitung fand. Der Reprise ist der entsprechende Text unterlegt, ebenso wie dem als Mittelteil verwendeten Lied Das Weihnachtsfest. Dessen Text schrieb der preußische Patriot Karl Friedrich Müchler vor dem Hintergrund der Befreiungskriege gegen Napoleon. Bei Thorbrietz sind nur die erste, vierte und fünfte Strophe (von sechs) abgedruckt. Darin werden die gemäß dem damaligen Rollenbild von Buben und Mädchen verteilten Geschenke besungen: Steckenpferd und Ritterrüstung für den Sohn, der damit "für Gott und Vaterland" in die Schlacht zieht, sowie eine Puppe für die Tochter, die bereits erahnt, dass es "nichts Süssres giebt […] als Mutterpflicht".

Wer die zwar textdienliche, aber so gar nicht zum heutigen Verständnis von Weihnachten passende Melodie im Marschrhythmus komponierte, konnte nicht eruiert werden. Jedenfalls handelt es sich nicht um die von Friedrich Heinrich Himmel besorgte Erstvertonung, die noch aus der Entstehungszeit des Gedichts stammt.

Der Komponist Karl Thorbrietz

Stücke wie Am heiligen Weihnachtsabend sind bezeichnend für das Schaffen von Thorbrietz. Zwar errang er 1894 anlässlich der Weltausstellung in Chicago beim Opernwettbewerb des "Deutsch-amerikanischen Opernvereins" mit seiner Arnelda den ersten Preis, doch ist nicht einmal sicher, ob das Werk jemals aufgeführt wurde. In der Folge trat er hauptsächlich mit Salonstücken für den Hausgebrauch hervor. Dabei spielte das Weihnachtsfest eine durchaus nicht unbedeutende Rolle, wie neben der hier vorgestellten Komposition die Fantasie Ein Weihnachts-Morgen und das "Weihnachts-Tongemälde" Friedensglocken bezeugen.

Archiv der Objekte des Monats 2017