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Sammlung Emilie Gilewska

Emilie Gilewska (Tochter), aus einem Pass herausgerissenes Foto mit Unterschrift, um 1910

In seinen Memoiren blickt der österreichische Historiker August Fournier (1850–1920) auf seinen offiziellen Eintritt in die distinguierte bürgerliche Gesellschaft zurück: "Mein Debüt war der wirklich hübsche und geschmackvoll bevölkerte Salon einer nicht hübschen, aber grundgescheiten und sehr tüchtig gebildeten Frau, die vor kurzem betagt gestorben ist. Sie war die Tochter des berühmten Chirurgen Schuh und die Witwe eines seiner Schüler, Gilewski [...]. Die Witwe hatte ein nennenswertes Vermögen und sah an ihrer gastlichen Tafel mit Vorliebe Dichter, Gelehrte, Ärzte, ohne der aristokratischen Gesellschaftsschichte auch nur die geringste snobistische Konzession zu machen." (August Fournier: Erinnerungen. München: Drei Masken Verlag, 1923, S. 124).

Emilie Gilewska (1840?–1918) zog nach dem frühen Tod ihres Mannes Karol Gilewski (1832–1871) mit den beiden Töchtern Marie und Emilie von Krakau ins niederösterreichische Oed im Piestingtal, wo ihre Vorfahren, die Industriellenfamilie Rosthorn, Anfang des 19. Jahrhunderts eine Niederlassung gegründet hatten. Die Villa, die Mutter und Töchter Gilewska in Oed bewohnten, hatte Franz Schuh (1804–1865) erbauen lassen und wurde vor allem in den 1870er und 1880er Jahren zum Treffpunkt jener Gesellschaft, die August Fournier beschreibt. Ebendort bewahrte die jüngere der beiden Töchter, die wie die Mutter Emilie hieß, eine Sammlung von Briefschaften, Dokumenten und Fotografien auf, die der Wienbibliothek im Rathaus 2014 von der Erbin als Geschenk übergeben wurde.

Emilie Gilewska (1869–1932), in Krakau geboren, erhielt häuslichen Unterricht, beherrschte Französisch und Englisch und besuchte beim Burgschauspieler Josef Lewinsky private Schauspielstunden. Sie blieb unverheiratet und lebte viele Jahre mit ihrer Mutter zusammen, in der Villa in Oed sowie im sogenannten Schönthalerhaus in der Alleegasse 39, Wien. Als "Private" verwaltete sie das Erbe der Familie, wovon eine Reihe von Dokumenten zeugt.

Die etwa 700 erhaltenen Korrespondenzstücke stammen zum Großteil aus der weitverzweigten Familie, darunter die in Ungarn ansässigen Hauers und Ebners. Vereinzelte Stücke vermitteln noch einen Eindruck von der erlesenen Gesellschaft, die sich in der Blütezeit des Salons Gilewska getroffen hatte: Es gibt Schreiben der Frauenrechtlerin Marianne Hainisch, von den SchauspielerInnen Helene Hartmann und Josef Lewinsky, von Wissenschaftlern wie Wilhelm Gurlitt, Richard Heinzel, Eduard Reyer, Wilhelm Scherer, Erich Schmidt, Anton Emanuel Schönbach oder Hugo Schuchardt. Dass Mutter und Tochter Emilie Gilewska keineswegs reine Salon- und Stubenhockerinnen waren, belegt ein Brief des Journalisten Franz Zweybrück vom 25. Juni 1895: Darin gratuliert Zweybrück den beiden Frauen zu dem gelungenen "Wagestück", "die Centralalpen zu übersetzen", und zwar im Frühsommer und nicht – wie die "wandernde Philistermasse" – im August.

Das Herzstück der Sammlung ist ein sogenanntes Müttertagebuch, das Maria Schuh, die Gattin Franz Schuhs, am 7. März 1845 für ihre Tochter Emilie anzulegen begann und das diese dann ab dem 31. Dezember 1868 für ihre Töchter weiterführte. Auch von Emilie Gilewska der Jüngeren liegt ein Tagebuch vor: In dem vorgedruckten kalendarischen "Gedenkbuch fürs Haus" hielt sie von 1887 bis 1890 Alltagsnotizen in Stichworten fest. Am 30. Januar 1889 heißt es beispielsweise: "ich gelegen Ball b[ei]. Herzfeld / Kronprinz gestorben". Und am 5. Februar 1889: "Begräbnis vom Kronprinz gesehen."

Neben der Korrespondenz dokumentieren zwei Adressbücher, ein Konvolut mit gut 130 Verlobungs- und Hochzeitsankündigungen und insgesamt 180 Fotografien (davon zeigen 20 Stück prominente Schauspieler der Zeit) das große soziale Netzwerk der Familie Gilewski. Der Bestand bietet zudem einen Einblick in die bürgerliche Unterhaltungskultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit aparten Einzelstücken, etwa einem Programm für die Inszenierung "Lebender Bilder" in Form eines Fächers mit Stiel. An einen Ballbesuch im Jahr 1887 erinnert wiederum eine rosarote Tanzkarte, in der sich einige Herren für bestimmte Tänze vorgemerkt haben.

Abschließend sei noch ein kurioses Rezeptionszeugnis zur österreichisch-ungarischen Politik erwähnt: Auf der Visitenkarte eines gewissen Stanislas de Rybicki befindet sich der mit Bleistift notierte seltsame Zweizeiler: "O Bilinski Badeni mit Welsersheimb im Gleispach / Sonst verliert den Gautsch sein Ledebur den Glanz". Der Witz bestand darin, dass sämtliche Hauptwörter einschließlich "Badeni" (lies: bade nie) die Namen von Politikern sind, die dem Ministerium Badeni, der Regierung der westlichen Reichshälfte von September 1895 bis November 1897, angehörten.

Archiv der Neuerwerbungen 2015

Emilie Gilewska (Mutter), Foto: Adèle, Wien, um 1870
"Gedenkbuch fürs Haus" mit Notizen Emilie Gilewskas (Tochter), hier die Einträge zum 30. Januar der Jahre 1887 bis 1890