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Nachlass Hedwig Pistorius

Reisepass von Hedwig Pistorius, 1928

Eine wichtige Bestandsgruppe der Handschriftensammlung bilden die Hinterlassenschaften von Theater- und Filmgrößen. Bei den Schauspielern des 20. Jahrhundert sind beispielsweise die Sammlung Käthe Dorsch, die Papiere Adrienne Gessners im Nachlass Ernst Lothar oder die Nachlässe Josef Meinrad, Hans Moser und Helmut Qualtinger zu nennen, bei den Regisseuren und Theaterdirektoren ragt der Nachlass Max Reinhardt hervor. 2014 kam ein kleinerer, aber bedeutender Bestand dazu: Der sechs Archivboxen umfassende Nachlass der Burgschauspielerin Hedwig Pistorius (1906–2004), der mit seinem Schwerpunkt auf der Zeit des Nationalsozialismus eine ergiebige Quelle zur österreichischen Zeitgeschichte darstellt (ZPH 1640).

Ihre künstlerische Ausbildung erhielt Pistorius am eben erst gegründeten Reinhardt-Seminar, das sie 1932 in den Fächern Schauspiel, Dramaturgie und Regie mit Auszeichnung abschloss. Mitten in der Weltwirtschaftskrise konnte ihr jedoch selbst Max Reinhardt, der Pistorius sehr schätzte, nur vereinzelte Auftritte verschaffen, so etwa in „Jedermann“-Vorstellungen bei den Salzburger Festspielen. Pistorius ging nach Deutschland, bekam zwei kurze Engagements in Stuttgart und Meiningen und suchte danach beim Flüchtlingshilfswerk der NSDAP um Unterstützung an. Ab Februar 1938 war die gelernte Kindergärtnerin als Pädagogin im Reichsarbeitsdienst für die weibliche Jugend tätig, bis sie schließlich 1940 vom damaligen Direktor Lothar Müthel ans Burgtheater nach Wien geholt wurde. Dort feierte sie im Rollenfach der jungen Heldin bis 1945 ihre größten Erfolge. Zu ihren Paraderollen zählten insbesondere Goethes Iphigenie, Grillparzers Libussa und die Antigone des Sophokles.

Pistorius’ künstlerischer Aufstieg und Höhepunkt ist im Nachlass durch Sammlungen von Zeitungsausschnitten und Fotografien, darunter von renommierten Fotografen bzw. Studios wie Hans Dietrich, Trude Geiringer, Dora Horovitz oder Rudolf Pittner, eindrücklich dokumentiert. Der Foto-Bestand mit rund 300 Stück enthält auch einige handschriftlich gewidmete Aufnahmen von bekannten Schauspielkollegen, darunter Fred Liewehr und Richard Eybner, mit denen Pistorius das Reinhardt-Seminar besuchte. Pistorius blieb Eybner, der sie ihrer hohen Gestalt wegen mit „Großfürstin“ anzureden pflegte, bis ins Alter freundschaftlich verbunden.

Von besonderem biographischen und zeitgeschichtlichen Wert sind Hedwig Pistorius’ Tagebuchaufzeichnungen, die auf losen Blättern, in Notizbüchern und Taschenkalendern vorliegen. In ihren Aufzeichnungen während der Kriegszeit gehen zusammengefasste Wehrmachtsberichte, Theateralltagsgeschichten und persönliche Notate, in denen Pistorius immer wieder von depressiven Phasen schreibt, ineinander über. Kraft und Ablenkung finde sie in ihrem Beruf: "Die tiefste Gnade und Lebensrettung ist die Arbeit. Diese hält noch aufrecht.", heißt es am 19. Juli 1941. Umso schlimmer war es für sie, als sie nach Kriegsende, gebrandmarkt als "registrierte" Nationalsozialistin (die Registrierung erfolgte im Sommer 1945), kein Engagement erhielt. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt musste sie sich deshalb vermehrt auf Regiearbeiten verlegen und brachte etwa 1949 Gerhart Hauptmanns Stück "Hanneles Himmelfahrt" in Bregenz erfolgreich auf die Bühne des Theaters für Vorarlberg. Unter den Rollen- und Regiebüchern im Nachlass, die zahlreiche handschriftliche Anmerkungen enthalten, befindet sich auch ein von Pistorius annotiertes Exemplar von "Hanneles Himmelfahrt".

Die überschaubare Nachlass-Gruppe „Werke“ beinhaltet vor allem Pistorius’ Dramatisierungen bekannter Märchen wie "Rumpelstilzchen" oder "Rübezahl", die sie auch selbst inszenierte, sowie Vorträge, die sie in der Wiener Urania und anderen Volkshochschulen hielt. In diesem Kontext steht ein unerwartetes Stück des Nachlasses, das von der Hand des Schriftstellers Heimrad Bäcker stammt: Bäcker, der in seinem Werk „nachschrift“ den nationalsozialistischen Sprachgebrauch bzw. -missbrauch dokumentierte und zugleich zum Kunstobjekt machte, war von 1955 bis 1976 Referent an der Volkshochschule Linz und betreute in dieser Funktion Pistorius als Vortragende. Unter dem Datum 13. April 1964 legte er eine Liste mit Märchentiteln vor: „Für Frau Pistorius zur Auswahl“.

Vielen prominenten Schreibern begegnet man freilich bei den Korrespondenzen des Bestandes, wobei bei weitem nicht von einer vollständigen Überlieferung von Pistorius’ Briefschaften auszugehen ist: Es sind Schreiben vorhanden von Schauspielkollegen wie Rosa Albach-Retty, Ewald Balser, Hedwig Bleibtreu, Käthe Dorsch, Richard Eybner, Christian Kayssler, Fred Liewehr, Hans und Hermann Thimig, Paula Wessely, Gusti Wolf und vor allem von Alma Seidler, die die Patin von Hedwig Pistorius’ Tochter Agnes wurde; außerdem gibt es Briefe von den Theaterleuten Boleslaw Barlog, Erhard Buschbeck, Eynar Grabowsky, Egon Karter, Alfred Kehm, Erwin Kerber, Fritz Klingenbeck, Gerhard Klingenberg, Willy Loehr, Lothar Müthel, Max Reinhardt und Paul Rose; weitere prominente Briefpartner sind der Germanist Josef Nadler, der Sänger Hermann Uhde sowie die Schriftsteller Imma Bodmershof, Max Mell und Erik Wickenburg.

Ein großer Teil der Korrespondenz stammt von den Eltern Maria, geborene Kubesch, und Richard Pistorius, einem Ingenieur für Straßen- und Schienenbau. Die zahlreichen Briefe des Vaters bewahrte Hedwig Pistorius gegen den Willen des Schreibers auf: "Ich bitte Dich sehr, alle meine Briefe zu verbrennen", heißt es am Ende des Briefes vom 18. Juni 1933. Den Grund für die Vorsicht skizziert Hedwigs Professorin und Mentorin Mena Blaschitz in einem Brief, der sich ebenfalls in der Wienbibliothek befindet: "Hedis Mutter ist sehr schwer hysterisch, derart zänkisch, dass sich der alte Pistorius, der längst 60 war, noch von ihr trennte und in einem kleinen Wirtshaus in Türnitz lebt. Hedis Brüder stehen ganz auf der Seite der Mutter, denn der Vater zahlt ja nur". (Mena Blaschitz an Hans Ankwicz-Kleehoven: Brief vom 5. April 1932, H.I.N. 162817)

Als besonderes Stück des Nachlasses ist ein großformatiges Blatt aus der Sammlung von Theaterzetteln hervorzuheben: „Zum 50jährigen Burgtheaterjubiläum von Hedwig Bleibtreu“ wurde am 21. Juni 1943 Otto Ludwigs Schauspiel „Das Fräulein von Scuderi“ unter der Regie von Lothar Müthel aufgeführt, Hedwig Pistorius’ Exemplar des Theaterzettels ist mit 14 Autogrammen der Mitwirkenden von Raoul Aslan über Werner Krauss bis Heinz Woester versehen. Aus dem Bereich der bildenden Kunst bietet der Bestand einige reizvolle Zeichnungen von namhaften Bühnen- und Kostümbildnern: Von Matthias Kralj stammt eine Bleistiftzeichnung, die Hedwig Pistorius als Madame Coulmier in Peter Weiss’ „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ darstellt; Stefan Hlawa wiederum fertigte Zeichnungen von Hedwig und Agnes Pistorius an sowie Karikaturen von sich und dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr.

Angereichert wird der Nachlass Hedwig Pistorius durch verschiedene Recherchematerialien von Agnes Pistorius, die sich bei der Erarbeitung des Buches „Heroine unterm Hakenkreuz“ (2014), einer ebenso persönlichen wie offenen Auseinandersetzung mit der Biographie der Mutter, angesammelt haben.

Archiv der Neuerwerbungen 2015

Die ehemaligen Studienkollegen am Reinhardt-Seminar und Burgschauspieler Hedwig Pistorius und Richard Eybner im Jahr 1983.
Buchexemplar von Gerhart Hauptmanns Drama "Hanneles Himmelfahrt", das Hedwig Pistorius 1949 für das Theater für Vorarlberg inszenierte. Doppelseite 62/63 mit eigenhändigen Anweisungen hinsichtlich der Lichteffekte.