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Nachlass Cissy Kraner

Cissy Kraner in der Garderobe des Kabarett Simpl. WBR, HS, ZPH 1653, 2.21.6.3.

Neu in der Benutzung ist der 2014 erworbene Nachlass von Cissy Kraner, der 22 Archivboxen, 3 Folioboxen und 1 Großformatmappe umfasst (ZPH 1653). Der aus gleicher Quelle stammende Nachlass von Hugo Wiener (ZPH 1654) steht den Leserinnen und Lesern in Kürze zur Verfügung.

Cissy Kraner wurde am 13. Jänner 1918 als Gisela Spitz in Wien geboren. Sie war die ältere der beiden Töchter des Buchdruckers Max Spitz (1878–1938) und der Maria Anna Spitz, geborene Weymola (1887–1945), die beide aus Wien stammten. Der Vater leitete ab 1911 den Verlag "Spitz & Söhne", der seit etwa 1890 im Besitz des Großvaters Ignatz Spitz (1845–1908) gewesen war. Giselas Schwester Helene ("Hela") Spitz wurde 1915 geboren. Sie war in erster Ehe mit Anton Perwein, in zweiter Ehe mit Friedrich Irsigler verheiratet und Angestellte der Firma "Elin". Die Schwestern Kraner waren bis ins hohe Alter innig verbunden, was rund 150 ausführliche Korrespondenzstücke aus den Jahren 1935 bis 1998 im Nachlass bezeugen.

Erste Auftritte in den 1930er Jahren

Die Karriere von Cissy Kraner als Schauspielerin und Chansonette begann 1933 mit dem Besuch des Wiener Konservatoriums für Musik und Dramatische Kunst sowie ersten Auftritten als Schülerin von Maria Louise Cavallar noch im ersten Schuljahr. In den Jahren 1935 und 1936 trat Kraner im "Cabaret ABC im Regenbogen" unter der Leitung von Hanns Margulies auf, aber auch – etwa zusammen mit Josef Meinrad – im Kaffeehauskabarett "Eulenspiegel", im "Neuen Theater", im "Theater für 49" und im "Stadttheater Salzburg". Ab 1937 stand sie in Holland auf der Bühne, zunächst in Scheveningen, wo das "Theater der Prominenten" unter der Leitung von Siegfried Arno (1895–1975), Otto Wallburg (1989–1944) und Willy Rosen (1894–1944) Zuflucht gefunden hatte, dann vor allem in der "Arena", die Arthur Spitz leitete. Auch im "Scala Theater" in Den Haag war Cissy Kraner in diversen Rollen zu sehen.

Die Anfänge wie auch die späteren Jahre sind im Nachlass mit Programmen, Einladungen und Fotografien ausführlich dokumentiert – es liegen nicht weniger als 20 akribisch befüllte Scrapbücher vor, dazu Hunderte von Bühnen- und Privatfotografien sowie auch die Briefwechsel mit Kolleginnen und Kollegen sowie diversen Theatern und Agenturen. In den Niederlanden blieb Kraner bis zum Februar 1938 – ein Zeitraum, aus dem auch eine "Entlassung aus der väterlichen Gewalt" stammt, die der noch minderjährigen Cissy Kraner die Selbstständigkeit ermöglichte. Kraner kehrte zurück nach Wien, wo sie an der Volksoper für eine Kollegin in der Operette "Gruß und Kuß aus der Wachau" einspringen sollte. Das Stück, für das Fritz Löhner-Beda (1883–1942) und Hugo Wiener (1904–1993) den Text geschrieben hatten, wurde allerdings verboten. Hugo Wiener indessen bereitete die Flucht nach Lateinamerika vor. Nachdem es ihm gelungen war, mit Hilfe von Fritz Imhoff (1891–1950) eine Ausreise nach Kolumbien zu organisieren, lud er die junge Soubrette ein, ihn dorthin für ein Gastspiel zu begleiten. Kraner nahm das Angebot an.

Publikumserfolge in Südamerika

Erste – und via Fotografie und Zeitungsausschnitt bestens dokumentierte – Stationen im lateinamerikanischen Exil waren Manizales und Medellín, wo Wiener und Kraner eine "Revista Vienesa" zum Besten gaben. Die Kritiken überschlugen sich, so sehr begeisterte die "anmutige und fröhliche schöne Blonde aus Wien" (El Colombiano, 13.11.1938), "die geniale Cissy Kraner" (La Prensa, 28.11.1938), deren Spanisch Lachsalven auslöste. 1938 und 1939 trat die Wiener Truppe auch in Bogotá auf, etwa im "Teatro Colón", im "Teatro Faenza" und im "Teatro Municipal", dazu kamen Auftritte in Cali. Die Anfänge im südamerikanischen Exil waren trotz des beachtlichen Publikumserfolgs alles andere als einfach, etwa ist in einem Tagebucheintrag vom 18. April 1939 zu lesen: "Noch immer kein Vertrag da. Ich glaube wir werden jetzt auf Beteiligung nach Venezuela gehen. Es ist alles schrecklich trostlos." Ein paar Zeilen weiter heißt es: "Nur wieder Geld verdienen können. Und dann weg von S Amerika!" Tatsächlich wurde Venezuela zur neuen Wahlheimat: In Caracas schlug sich Cissy Kraner in den ersten Monaten als Stenotypistin durch und verdiente sich von 1939 bis 1944 ein Zubrot in einer "Pasteleria Vienesa", einer "Wiener Konditorei", wie eine Arbeitsbestätigung im Nachlass belegt. Ab 1943 betrieb sie mit Hugo Wiener, den sie im selben Jahr heiratete, ein kleines gutgehendes Lokal, und das Paar trat in ihrer "Johnny’s Music Box" allabendlich mit großem Erfolg auf. "Wir sollten hier die schönsten Jahre unserer Emigrationszeit erleben", hielt Kraner in ihrer Autobiographie fest. Das "Gästebuch Johnny's" mit Einträgen aus dem Jahr 1947 zählt zu den Highlights des Bestandes.

Zahllose Auftritte nach der Rückkehr aus dem Exil

Im Jahr 1954 kehrten Cissy Kraner und Hugo Wiener aus dem Exil nach Wien zurück, wo sie als kongeniales Künstlerpaar weiter begeisterten. Der Nachlass dokumentiert zahllose Auftritte – vor allem im "Kabarett Simpl", in dem die beiden bis zu Hugo Wieners Bruch mit Karl Farkas (1893–1981) und später wieder zwischen 1971 und 1974 mit Bühnenstars wie Ernst Waldbrunn (1907–1977), Maxi Böhm (1916–1982), Heinz Conrads (1913–1986) oder Otto Schenk zusammenarbeiteten. Ebenso unzählig sind die Gastspiele, die Kraner und Wiener im In- und Ausland absolvierten. Auskunft über das rege Künstlerleben, das auch die Mitwirkung bei Film, Rundfunk und Fernsehen miteinschloss, geben nicht nur rund 20 Kalender, die Kraner bis 1982 akribisch führte, sondern auch ein dichtes Konvolut Karteikarten mit Notizen zu Auftrittsorten und dargebotenen Stücken sowie zu Film- und Fernsehaufzeichnungen. So lässt sich rekonstruieren, dass allein der Song "Der Novak lässt mich nicht verkommen" zwischen 1954 und 1963 an 72 Spielorten zur Aufführung kam, der Hit "Der Novak will nichts mehr von mir wissen" zwischen 1956 und 1963 an 131 Spielorten. "Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn" gab Cissy Kraner zwischen 1954 und 1962 an 104 Spielorten zum Besten. Mit diesen und anderen Chansons, die allesamt aus der Feder von Hugo Wiener stammen, schrieb das Paar Kabarettgeschichte – wie sehr beide die Herzen ihrer Fans eroberten, zeigt die im Nachlass erhaltene Fanpost. Die innige Verbundenheit des Ehepaars Kraner-Wiener schließlich lässt sich anhand von rund 140 Briefen nachvollziehen, die Hugo an Cissy richtete. Ihrem Mann streute die Künstlerin in ihrer Autobiographie von 1994 Rosen: "Als Ehemann brachte er mir das Glück meines Lebens. Es war ein Segen, ihm begegnet zu sein."

Archiv der Neuerwerbungen 2015

Cissy Kraner im Kreise ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler am Wiener Konservatorium für Musik und Dramatische Kunst, 1933. WBR, HS, ZPH 1653, 3.16.
Hochzeitsfoto von Cissy Kraner und Hugo Wiener. Caracas, Studio Solá 1943. WBR, HS, ZPH 1653, 2.21.1.11.