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Das Gebetbuch von Franz Schuberts Schwester

Eine Szene aus dem Leben der Familie Schubert? Aquarellzeichnung aus dem Jahre 1811, Beilage zum Gebetbuch der Maria Theresia Schneider, geb. Schubert (1801-1878).

Neu im Bestand der Wienbibliothek im Rathaus befinden sich zwei Gebetbücher aus interessanter Provenienz: es sind dies die Privatexemplare von Franz Schuberts einziger Schwester, Maria Theresia Schneider, geb. Schubert (1801-1878), sowie von deren Tochter, Therese Eva Krasser, geb. Schneider (1838-1918).

Gebet- und Andachtsbücher sind in mehrerlei Hinsicht interessant. Zum einen gibt es kaum andere Bücher, deren äußeres Erscheinungsbild so aufwändig gestaltet ist wie das der Gebetbücher. Dies hängt mit der Prestigefunktion des Gebetbuches zusammen; vor allem von Frauen wurden sie oft als "Accessoires" zum sonn- und feiertäglichen Messegang mitgebracht und mussten somit zur Festtagstracht der Damen passen; nicht selten finden wir daher kolorierte Schnitte (Goldschnitt), aufwändige Einbände aus goldgeprägtem Leder oder besticktem Samt, die nicht selten mit Elfenbein- oder Perlmuttbeschlägen zusätzlich verziert und durch Messingschließen zusammengehalten wurden. Darüber hinaus ist aber auch die Funktion des Gebet- und Andachtsbuches als privater Gedächtnisort der Eigentümerin bemerkenswert. Vielleicht könnte man in dieser Hinsicht das Gebetbuch sogar als spezifisch "weibliche Textgattung" ansprechen; denn während jungen Männern oft eine mittlere oder höhere Schulbildung offenstand, die manchmal auch den Aufbau einer bescheidenen Bibliothek mit sich brachte, blieb das (oftmals zur Firmung bzw. Konfirmation überreichte) Gebetbuch nicht selten das einzige Buch im Leben einer jungen Frau und begleitete diese über den gesamten Lebensweg. Nicht zuletzt erklärt sich so auch der Umstand, dass die Bücher von ihren Besitzerinnen oft als Notiz- oder Tagebücher bzw. als Sammlungsort für persönliche Erinnerungen verwendet wurden – eingelegte Beichtbilder, Zeitungsausschnitte, Eintrittskarten bis hin zu getrockneten Blumen sind ganz typische Begleiter dieser Textsorte.

Genau das trifft auch auf das Gebetbuch der Maria Theresia Schneider, geb. Schubert, zu. Nach vier älteren Brüdern war sie das fünfte und jüngste Kind aus der Ehe des Franz Theodor und der Elisabeth Schubert, das auch tatsächlich das Erwachsenenalter erreichte. Das Gebetbuch bekam Schuberts kleine Schwester dann als heranreifende Frau geschenkt – es handelte sich um das in Wien gedruckte "Andachtsbuch für gebildete Familien ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses" von Jakob Glatz aus dem Jahr 1816 (Sign.: A-322008). Sie verzeichnete darin sämtliche für sie bedeutsamen Ereignisse: die Geburten ihrer Kinder, denen sie in den meisten Fällen schon bald das Todesdatum hinzufügen musste – nur ihr Sohn Eduard und die Tochter Theresia sind letztlich dem Kindesalter entwachsen. Besonders interessant sind aber die gesammelten Beilagen. Neben getrockneten Blumen, einigen Beichtbildern, einer handschriftlichen Abschrift zweier Kinderlieder ("Der Mai" von Christian Felix Weisse und das anonyme "Die Sonne") sowie einem kolorierten Pilgerbrief aus Altötting findet sich hier auch eine Miniatur in Wasserfarbe, die mit 1811 datiert und auf der Rückseite die Widmung "Zum Angedenken der Maria und Franzischka [!]" trägt. Dargestellt ist ein Ehepaar an seinem zehnten Hochzeitstag, dem ein Bub und zwei Mädchen Blumen auf den Weg streuen – ein zweiter Bub (?) sitzt lesend unter einem Baum am Fuße des Kahlenbergs (Abbildung). Handelt es sich hier um eine Szene aus dem Leben der Familie Schubert? Die Familienstruktur (zwei Mädchen!) spricht zwar dagegen – aber würden wir nicht gerne in dem verträumten Leser den 14jährigen Franz erkennen?

In ähnlicher Weise hat auch Maria Theresia Schneiders Tochter Therese Krasser ihr Gebetbuch geführt. Bibliographisch trägt es den Titel "Das ewige Versöhnungsopfer" (Leipzig: Liebeskind, 1861; Sign.: A-322056), doch interessanter als der Druck an sich sind auch hier die Beilagen - mehrere getrocknete Blumen, Andachts- und Beichtbilder aus Maria Wranau (Vranov u Brna/CZ) sowie ein Denkzettel an die Firmung am 23. Mai 1850. Besonders berührend sind auch hier die Notizen der jungen Frau über ihre Kinder, in denen sie – wie etwa im Fall der einjährig verstorbenen Tochter Hedwig – auch ihrer tiefen Trauer Ausdruck verleiht: "Sie war so gut wie ein Engel auf Erden, darum hat sie auch der liebe Gott unter seine Engel, die er gewiß recht beglückt, aufgenommen. Dies ist mein Trost für meinen schmerzlichen Verlust."

Archiv der Neuerwerbungen 2012