Zur Katalogübersicht

Digitale Sammlungen
Mit Bleistift adressierte Ansichtskarte an Arthur Roessler
Weiter zu mehr Information. Link wird in neuem Fenster/TAB geöffnet
Im Lesesaal mit:
Portraitphotographie: Frau mit langen dunklen Haaren vor Bücherregal in einer Bibliothek
Weiter zu mehr Information. Link wird in neuem Fenster/TAB geöffnet

Wien Geschichte Wiki

Wissensplattform der Stadt Wien mit mehr als 35.000 Beiträgen zur Geschichte, Kultur und Topographie Wiens
Weiter zum Wiki

Sie sind in:

Sie sind hier

Neue Josephinica in der Wienbibliothek

"Wann werden doch manche Wiener einmal gescheid ???" (1786) ist Teil eines Sammelbandes mit acht seltenen josephinischen Broschüren.

Die überaus reiche Josephinica-Sammlung der Wienbibliothek konnte im Frühjahr 2009 um einige interessante Neuerwerbungen erweitert werden.

Auf den Kern der Josephinischen Reformen, die Kirchenpolitik Josephs II., bezieht sich die Schrift Franz Xaver Neupauers mit dem Titel "Frage: Ob der Kaiser das Recht habe, in seinen Erbländern aus eigener Macht eine neue Diözeseneintheilung vorzunehmen ..." (Graz: Weingand & Ferstl, 1784) sowie eine Beschreibung des Wienbesuchs Papst Pius VI. im Jahr 1782, ein Ereignis, das die Aufmerksamkeit zahlreicher Autoren auf sich zog. Auf die im Zusammenhang mit dem Besuch des Kirchenoberhauptes vielfach gestellte, provokante Frage "Was ist der Papst" bezieht sich das bei Johann Georg Bullmann in Augsburg erschienene anonyme Werk "Das ist der Pabst; oder entscheidende Antwort auf die dreiste Frage: Was ist der Papst", das nun ebenfalls in die Sammlung der Wienbibliothek eingereiht wurde.

Ins Jahr 1782 datiert auch die in Wien erschienene Schrift "Die Inokulation der Dummheit" von Joseph Friedrich von Keppler, ein typisches Produkt der so genannten Josephinischen Broschürenflut. Bei Wucherer, einem überaus produktiven Drucker der Josephinischen Epoche, erschienen im Jahr 1785 in mehreren Ausgaben Joseph Grossingers "Unwahrscheinlichkeiten"; das Werk ist nun auch in einer interessanten Ausgabe in Kurrentdruck (!) in der Wienbibliothek vorhanden. Schon in die Zeit der Restauration fallen schließlich Albert Komploiers "Sieben Diskurse über Freydenkerey und Unglauben", die 1796 bei Veith in Augsburg gedruckt wurden.

Von Aloys Blumauers berühmtem "Glaubensbekenntnis eines nach Wahrheit Ringenden" besitzt die Wienbibliothek gleich drei Druckvarianten der Erstausgabe aus dem Jahr 1785 bzw. 1786 (Wucherer, Wien). Das große Aufsehen, das das freigeistige Werk Blumauers, eines der berühmtesten Proponenten der Aufklärung in Österreich, erregte (noch im selben Jahr erschienen Polemiken unter anderen von Patricius Fast und Franz Xaver Huber), führte zu einer raschen Zweitausgabe, die nun von der Wienbibliothek erworben werden konnte. Auf diese, um den Zusatz "... eines nach Wahrheit ringenden Catholicken" erweiterte Ausgabe bezieht sich wiederum eine anonyme Parodie unter dem Titel "Antwort auf Blumauers Glaubens-Bekenntniß" (Straßburg, 1786), eine Rarität aus der Sammlung des Wiener Bibliophilen Max von Portheim, die nach dessen Tod im Jahr 1937 in die damalige Stadtbibliothek gelangte.

Als besondere Kostbarkeit der jüngsten Neuerwerbungen ist aber ein Sammelband von acht seltenen Josephinischen Broschüren (Sign.: A 302902) anzusehen, von denen besonders die Aloys Blumauer zugeschriebene, seltene Dichtung "Der evangelische Bauernjunge in der Katholischen Kirche" (1789) Erwähnung verdient. Ein kurioses Referenzstück zu dem jüngst aufgefundenen "Narrenturm Kaiser Josefs" (siehe unten) ist die zweite Broschüre des Sammelbandes mit dem Titel "Wann werden doch manche Wiener einmal gescheid ???" (1786). Über die in die Krise gekommenen Josephinischen Reformen ist darin pointiert zu lesen: "Die Trompete der Aufklärung Wiens bläst sich heiser in alle Gegenden der Welt. Berühmte Europäische Fürsten schmunzeln, und selbst der Türkische Kaiser läßt sich aus Kummer den Kopf von seinen Sklaven krazen."

Archiv der Neuerwerbungen 2009